“Wie viel Platin machst du pro Stunde?” Ein gefährliche Frage für den Befragten. Je nachdem wie er an sein Platin kommt, kann der Umstand, dass jemand seine Methoden kennt, schon für eine Verringerung seines PpS Wertes sorgen. Das fängt beim Verraten des tollen Farmspots an und geht bis zur Preismanipulation im Auktionshaus.
Ähnlich wie im realen Leben verdient man mehr, je weiter oben man sich in der Hierarchie der PpS-Maximierer befindet. Und die höchsten PpS Werte erreichen die, die gezielt die Schwächen ihrer Mitspieler ausnutzen (was die nicht einmal mitbekommen). Kleines Beispiel gefällig?
Farmboy ist ein netter Casual Gamer, der in seiner Gilde zu den Betuchteren gehört. Im Gegensatz zu den anderen Gildenmitgliedern geht er nämlich nicht in die Kriegsfronten oder Instanzen, er geht farmen. Und dabei verdient er gar nicht mal schlecht. 10 PpS sind nach Verkäufen beim Händler und dem Auktionshaus schon drinnen. Farmboy ist Familienvater und hat einen 40 Stundenjob, deshalb kann er Abends erst zum spielen anfangen, wenn er den Rest der Familie zum Hauptabendfilm sicher vor dem Fernseher versammelt hat.
Meistens hört er mit seiner Farmerei kurz vor 22:00 auf und stellt seine Beute ins Auktionshaus. Ein paar Minuten hat er noch, deshalb schaut er auch gleich einmal nach, ob es nicht vielleicht eine leistbare Waffe oder Rüstung gibt, die seinen Charakter verbessern. Als er der Gilde dann noch eine ’Gute Nacht’ wünscht, erreicht ihn um 21:59 noch eine wisper vom Gildenkollegen Dauerpleite. ‘Kannst du mir bis zum Wochenende 20 Platin borgen?’. Farmboy ist wie Eingangs erwähnt, ein Netter, deshalb tut er das auch.
Dauerpleite ist Student, wie die meisten anderen in der Gilde auch. Er hat deutlich mehr Spielzeit als Farmboy zur Verfügung, verbringt sie aber meistens in Instanzen oder in Kriegsfronten. Außerdem liest er Guides, er probiert öfters mal andere Skillungen aus, verzaubert seine Ausrüstung (die sich permanent ändert) immer mit den besten Verzauberungen, und sein Name ist Programm. Er ist wirklich Dauerpleite.
Vor allem nach dem letzten Gold-Guide der für alle MMORPGs mit Auktionshaus funktioniert. ’Billig kaufen, teuer verkaufen – den Markt kontrollieren’ und ähnliches stand in diesem Guide. Die Kauf- und Verkaufstrategien klangen plausibel und Anfangs schaffte Dauerpleite es sogar ordentliche Gewinne einzufahren. Doch als er an dem Punkt angelangt war, an dem er sich entschied einen Teil des Marktes zu kontrollieren, machte er den entscheidenden Fehler und setzte auf die falsche Sparte. Er hatte die Preise für Eisen im AH schon auf das dreifache gepusht und war kurz davor seine enormen Eisenlager zu entleeren, als durch einen Patch einige Eisenminen verbugged wurden und instant respawnten. Der Eisenpreis fiel in den Keller - Dauerpleite erfuhr von diesem Bug zu spät und hatte noch brav sein komplettes Vermögen, mit dem sinnlosen Versuch, den Eisenpreis wieder zu stabilisieren hinaus gepulvert.
Davor wird in den Guides nicht gewarnt. Dauerpleite hat es auf die harte Tour gelernt. Aber er läßt sich nicht so schnell entmutigen und fängt an selber Strategien für den Handel im Auktionshaus zu entwickeln. Er kennt die Spielzeiten von Farmboy, weiß dass dieser nicht der einzige von dem Schlag in seiner Gilde ist und auch dass es noch viele weitere berufstätige Casual Gamer mit genau den selben Onlinezeiten wie Farmboy gibt. Dauerpleite beschließt aus diesem Wissen Profit zu machen. Farmboy ist noch keine fünf Minuten offline, da macht sich Dauerpleite mit den geborgten 20 Platin schon auf dem Weg zum Auktionshaus. Farmboy hat vier Stacks Stoff eingestellt und natürlich alle anderen Stoffauktionen preislich unterboten. Dauerpleite sieht sich die restlichen Angebote an und beschließt mit der Stoffeinkaufstour noch eine Stunde zu warten.
Wie vermutet, haben auch noch andere ‘Farmboys’ Stoffstacks eingestellt, und natürlich auch unterboten. Dauerpleite nimmt seine 20 Platin und kauft so viel Stoff auf wie er kann. Auch die Stacks von Farmboy sind darunter. Der Stoffpreis war schon ziemlich am Boden, selbst wenn Dauerpleite jetzt alles an den Händler verkaufen würde, bekäme er noch ~14 Platin dafür. Anstatt den Stoff als günstigstes Angebot sofort wieder ins Auktionshaus zu stellen (was ihm im besten Fall 25 Platin bringen würde), wartet Dauerpleite damit noch bis zum nächsten Tag. Er weiß dass Farmboy oft noch vor der Arbeit kurz online kommt, um zu schauen ob er alles verkauft hat und ob es vielleicht das ein oder andere Schnäppchen im AH gibt. Dauerpleite weiß auch, dass um diese Uhrzeit noch andere Leute das AH aufsuchen um die letzten Schnäppchen zu ergattern, er stellt seinen Stoff erst zur Mittagszeit ins Auktionshaus. Erneut stellt er das billigste Angebot, aber diesmal bringt es ihm 32 Platin ein. Der Stoff ist längst verkauft, als Farmboy wieder online kommt und Dauerpleite anflüstert: ‘Ich hab gesehen, du hast meinen Stoff gekauft, hättest was gesagt, dann hätte ich dir einen Freundschaftspreis gemacht!’
Zeitraffer: Freundschaftspreis, tägliche Lieferung -Farmboy spart sich sogar die AH Gebühr(!)- Stoff an unbekannten Twink von Dauerpleite schicken, Charname: Immerflüssig – gezieltes Ansprechen anderer Farmboys.
Von Dauerpleite zu Immerflüssig in nicht einmal einer Woche, und das Wichtigste: Immerflüssig hat das Risiko an seine Farmboys ausgelagert, dass er wieder sein ganzen Geld verliert. Wenn der Markt einbrechen sollte, dann sagt er seinen Farmboys einfach, dass er gerade kein Platin hat um ihnen ihre Ware abzunehmen, aber in den nächsten Tagen sollte wieder was reinkommen, dann kauft er wieder.